Auswanderinnen der Familie Nagl
Auswanderinnen der Familie Nagl
Wesentliche Motive für die Auswanderung nach Amerika waren die ungünstige Agrarstruktur und eine hohe Bevölkerungszahl an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Burgenland. Durch die Gewohnheit der Erbteilungen gab es im Südburgenland eine große Anzahl von landwirtschaftlichen Klein- und Zwergbetrieben. Diese Verkleinerung des bäuerlichen Besitzes hatte eine unwirtschaftliche Aufsplitterung in zahlreiche, kleine Feldeinheiten zur Folge. Oft genügte nur ein Aufenthalt von wenigen Jahren in Amerika, um mit den mitgebrachten Ersparnissen die Landwirtschaften zu sanieren. Dabei ging es vor allem um die Auszahlung der miterbenden Geschwister, damit die Betriebe ungeteilt und lebensfähig blieben. Darüber hinaus wurde das Geld meist für den Ausbau der Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie den Erwerb von Grundstücken verwendet.[1] Vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es auch eine hohe Geburtenrate in Neuberg. Laut den Volkszählungen in den Jahren 1900, 1910 und 1920 lebten mehr als 1.200 Personen in Neuberg.
[1] Dujmovits, Walter: Die Amerika-Wanderung der Burgenländer. (epubli Berlin GmbH, Stegersbach) 2012, 24.
Stefan Nagl wurde am 20. Dezember 1876 in Neuberg Nr. 6 (heute Florianigasse 14) geboren. Er war der Sohn des Dorfschmiedes Johann (1844 – 1915) und Theresia Nagl, geb. Kutics. Am 20. November 1900 heirateten Stefan Nagl und Anna Mercsanits in der Pfarrkirche Neuberg. Sie wohnten zunächst bei Annas Eltern in Unterneuberg im Haus Nr. 91 (heute Feldgasse 10), wo Anna sechs von ihren sieben Kindern zur Welt brachte:
- Maria (1901 – 1985)
- Adalbert (1903 – 1904)
- Margarethe (1904 – 1983)
- Elisabeth (1906 – 1983)
- Katharina (1908 – 2001)
- Anna (1912 – 2005)
Annas Eltern Josef und Maria Mercsanits, geb. Kulovits, hatten eine Landwirtschaft mit rund 4,7 ha. Annas Bruder Paul Mercsanits (geb. 24.01.1890) besaß 1932 von diesem Gesamtbesitz rund 1 ha sowie hatte den Hälfte-Anteil an 3,2 ha. Paul heiratete am 04. April 1910 Agnes Kulovics und wanderte 1911 nach Amerika aus. Agnes folgte ihm 1912 nach – sie fuhr mit dem Schiff „Chicago“ neun Tage von Le Havre nach New York und traf ihren Mann in Chicago.
Im Jahre 1949 kauften die vier Schwestern Margarethe, Elisabeth, Katharina und Anna die Grundstücke von ihrem Onkel Paul Mercsanits um US-$ 400 für ihre Mutter Anna und ihren Bruder Stefan ab.
Um sich ein eigenes Haus in Neuberg bauen zu können, reiste Stefan Nagl das erste Mal am 07. April 1906 mit dem Schiff „La Champagne“ von Le Havre, Frankreich, nach New York. Im Zeitraum von 1909 bis 1912 waren Stefan und Anna zeitweise gemeinsam in Chicago, um Geld für ein eigenes Haus zu sparen. Stefan fuhr am 09. Jänner 1909 mit den zwei Neubergern Johann Radostics und Franz Novoszel am Schiff „Louisiane“ von Le Havre nach New York, wo sie am 29. Jänner 1909 ankamen. Am 03. März 1910 fuhr Anna mit sechs anderen Neubergerinnen (Anna Mercsanics, Juliana Kulovics, Maria Radakovics, Anna Kulovics, Maria Kulovics, Maria Wagner) mit dem Schiff „La Gascogne“ von Le Havre nach New York. Anna arbeitete als Putzfrau und Stefan in einer Fabrik in Chicago. Während dieser Zeit wohnten die vier kleinen Töchter bei ihrer Großmutter Maria in Neuberg.
Im Jahr 1913 bauten sich Anna und Stefan mit Hilfe der Nachbarn und Verwandten ein eigenes Haus in Unterneuberg (heute Feldgasse 13). Die Wände wurden mit luftgetrockneten Ziegeln gemauert, die gleich in der Nähe des Bauplatzes gebrannt wurden. Das Dach wurde damals bereits mit Ziegeln gedeckt. Stefan jun. (1913 – 2005) kam als siebtes Kind in diesem Haus zur Welt.
Das letzte Mal reiste Stefan Nagl am 04. Oktober 1913 mit dem Schiff „Rochambeau“ von Le Havre, nach New York, wo er am 13. Oktober 1913 ankam. Laut Unterlagen der US-Volkszählung 1920 wohnte Stefan in Chicago und arbeitete als Autowäscher. Er kam 1921 wieder nach Neuberg zurück und baute mit den Ersparnissen eine Scheune.

Alle fünf Töchter von Anna und Stefan reisten nach Amerika, wobei nur Maria wieder nach Österreich zurückkehrte.
Die älteste Tochter Maria Nagl, geb. 30. Jänner 1901, heiratete am 31. August 1919 den Neuberger Franz Novoszel in der Pfarre Mannswörth in Niederösterreich, wo beide arbeiteten. Franz fuhr gemeinsam mit den zwei Neuberger*innen Josefa Zwitkovits (23) und Karl Neubauer (26) im Dezember 1923 mit dem Schiff „Bremen“ von Bremen nach New York. Maria reiste am 30. Mai 1926 mit dem Schiff „Columbus“ von Bremen nach New York, wo sie am 07. Juni 1926 ankam. Maria und Franz entschieden, wieder nach Oberwaltersdorf in Niederösterreich zurückzukehren und nicht nach Amerika auszuwandern.